Pädiatrischer Info-Brief an die Eltern mit der Bitte, sich an die regionalen Abgeordneten zu wenden

 

Liebe Eltern,

wir Ärzte und Ärztinnen ertragen die Zumutungen aus Politik und Krankenkassen nicht mehr – die Streichung der Neupatientenregelung und die Forderung der Krankenkassen nach gesetzlich verordneten doppelten Nullrunden für die Jahre 2023 und 2024 bringen das Fass zum Überlaufen.

Wir niedergelassenen Ärzte und Ärztinnen protestieren im Oktober flächendeckend in ganz Deutschland gegen die geplanten Gesetzesänderungen für Arztpraxen. Es beginnt am Montag, den 10.10.2022 – am Vormittag werden wir für 2 Stunden keine Patienten behandeln.

Warum reicht es der Ärzteschaft jetzt?

Die Streichung der Neupatientenregelung bedeutet nicht etwa, dass eine Arztprämie für die Annahme von Neupatienten wegfällt. Nein – stellen Sie sich bitte vor, Sie würden nur 85% Ihrer Arbeitsleistung bezahlt bekommen? Ein gutes Gefühl und Motivation würden Sie vermutlich ebenso wenig empfinden wie die Kinder- und Jugendärzte und die Kinder- und Jugendärztinnen in Hamburg – dort werden von 100 Patienten/Patientinnen nur 85 voll bezahlt. Klingt völlig irre – ist es auch und heißt im Gesundheitsjargon „abgestaffelte Bezahlung bei Budgetüberschreitung“. Arbeitsminister Heil würde es in allen Medien „Lohnraub“ nennen, wenn Arbeitnehmer davon betroffen wären.

60% der bayerischen kinder- und jugendärztlichen Praxen haben unbesetzte Stellen

Weil der Staat mit zweierlei Maß misst: In Krankenhäusern gleicht der Staat die Steigerungen der Lohnkosten für das Pflegepersonal durch einen Bundeszuschuss aus. Wir begrüßen das, fordern aber Gleichbehandlung für Arztpraxen. In der Theorie gibt es für die jährlichen Lohnverhandlungen der Kassenärzte mit den Krankenkassen eine gesetzliche Ausgleichsregelung, die in der Realität aber seit vielen Jahren nicht funktioniert: Während der Arztlohn („orientierenderPunktwert“) seit 2011 um 14,8% gestiegen ist, sind die Löhne unserer Mitarbeiter*innen in dieser Zeit um 45,5% gestiegen – und dies bei einer Inflationsrate von 23,8%. Gegensteuern? Nur möglich durch Akkordarbeit, was heißt, noch mehr Patienten zu behandeln. Sie merken es doch selbst, wie hoch der Stresspegel in unseren Praxen geworden ist – nicht schön für Sie und belastend für unsere Teams. Die Auswirkungen für Sie: Nach einer Umfrage haben bereits 40% der bayerischen Praxen Leistungseinschränkungen und/oder Ablehnungen von Patienten und Patientinnen einführen müssen. Wir verlieren immer mehr Medizinische Fachangestellte an denvergleichsweise weniger stressigen Bereich der Kliniken. Dort werden, aufgrund der staatlichen Besserstellung, zudem bessere Löhne gezahlt.

Zusätzliche Belastung durch erzwungene Digitalisierungohne Mehrwert

Wir lieben Digitalisierung – wenn Sie uns und Ihnen das Leben leichter macht. Die staatlich verordnete Telematikinfrastruktur hat die Praxen bislang nur Nerven gekostet, Programmabstürze der Arztverwaltungssoftware vervielfacht und hohe Kosten verursacht. Insgesamt werden heute ca. 30% der Arbeitszeit einer Arztpraxis für Verwaltung, bürokratische Anfragen und Fehlerbehebung „verbraucht“!Dies Zeit geht Ihnen persönlich für die medizinische Behandlung verloren.

Krankenkassen lieben es, ganze Abteilungen zu unterhalten, um Fehlverhalten von Ärzten/Ärztinnen mit Regressen zu belegen – oft genug geht es dabei z.B. nur um die Verwendung eines falschen Formulars. Für eine „Regressandrohung“ über z.B. 30€ wird jeweils mehr als eine Stunde Arztzeit in der Praxis, bei der kassenärztlichen Vereinigung und in der Krankenkasse verschwendet. Das ist volkswirtschaftlicher Wahnsinn und wir fordern mehr Zeit für unsere Patienten/Patientinnen und unsere eigentliche ärztlichen Kernaufgaben. Die wertvollste Ressource im Gesundheitswesen der nächsten 10 Jahre sind unsere Mitarbeiter*innen, und nicht das Controlling, Datenschutz und EU-Recht!

Klatschen allein reicht nicht!

In der Pandemie waren Arztpraxen der „ambulante Schutzwall,“ um die Kliniken vor dem Kollaps zu schützen: Über 90% der Corona-Patienten haben wir behandelt. Politikerverwenden im Reflex die Schlagworte „Pflege, Krankenhäuser und Intensivstationen“. Für unsere Mitarbeiter*innen bleiben nur „warme Worte“: Bei sämtlichen Pflegeboni gingen die Medizinischen Fachangestellten leer aus.

Bitte unterstützen Sie uns mit beiliegendem Protestbrief. Wenn Sie Kraft und Zeit finden – wenden Sie sich an ihren lokalen Bundestagsabgeordneten. Es ist in Ihrem eigenen Interesse. Fordern Sie Änderungen und Respekt vor der Leistung ein, die unsere Teams täglich für Sie stemmen.

Ihre Kinder- und Jugendärzte und Kinder- und Jugendärztinnen